von Klaus Hoffmann-Hoock (Mind Over Matter) 


Mellotron MK IV


Erinnern Sie sich noch an den Anfang des Beatlessongs „Strawberry Fields Forever“? Diese Flötenklänge stammen ebenso wie die Streicherklänge beim Moody Blues-Klassiker „Nights in white satin“ vom analogen Vorfahren des modernen Samplers, dem Mellotron. Dieses englische „Tonbandkeyboard“ verhalf in den letzten 30 Jahren Tausenden von Musikern und Bands zu Megahits und Weltruhm. Es seien hier nur GENESIS, YES, KING CRIMSON oder BARCLAY JAMES HARVEST genannt. Am 15. Januar 1997 verstarb im Alter von 80 Jahren Leslie Bradley, der Mann, der zusammen mit seinen Brüdern Frank und Norman, als Erbauer des Mellotrons gilt. Ihm zum Gedenken und den unzähligen Mellotronfans als Quelle authentischer Samples ist diese Zusammenstellung beliebter und neuzusammengestellter Melloklänge gewidnet.

 

   Martin Smith
 und
 Leslie Bradley
 neben dem Mellotron Mark II 

 

Im Jahre 1962 hatte die kleine Birminghamer Firma der Bradleys den Auftrag erhalten, siebzig Mono-Tonköpfe für den Amerikaner Bill Franzen herzustellen. Bei der Auslieferung der Ware führte Franzen den staunenden Brüdern den Prototypen eines Tasteninstrumentes vor, das nach seinem Erfinder „Chamberlin“ benannt war. Pro Taste besaß es ein dreispurig bespieltes Tonband, dessen Aufnahmen bei Tastendruck zu hören waren. War das Band z. B. auf Spur A mit einem originalen Streicherklang bespielt und drückte man eine Taste, dann erklangen diese „echten“ Streicher für 8 Sekunden, bis das Band zuende gelaufen war. Das „Chamberlin“ war polyphon spielbar und, obwohl es bei weitem noch nicht serienreif war, eröffnete es bislang ungekannte musikalische Möglichkeiten und sollte, nachdem sich das Team um Les Bradley der Sache angenommen hatte, zum Fundament für das spätere Mellotron werden. 

 

   DJ Alan Freeman, Leslie Bradley,
 Norman Bradley und Roy Wood (ELO)
 bei einer Preisverleihung zu Ehren der Bradleys 1993 


Die Produktionsstätte wurde in den Vorort Streetly verlegt und hieß von nun an „Streetly Electronics“. In den Jahren 1962-1964 mußten noch viele Probleme bei der Konstruktion des ersten Mellotrons bewältigt werden. In monatelanger Kleinarbeit wurden Instrumente, komplette Rhythmen und Geräusche im Studio auf Masterband aufgenommen. So bot sich schon bald ein Füllhorn voller Originalsamples den Bradleys als Basismaterial an und schuf 1964 die Grundvoraussetzung für das erste, gründlich überarbeitete Mellotron, das Mark I. Nach einigen „Kinderkrankheiten“ des Mark I wurde ein weiteres Jahr getüftelt und verbessert, bis endlich Anfang 1965 das doppelmanualige Mark II aus der Taufe gehoben werden konnte. „It´s a miracle“, tönte der Mark II Werbeprospekt und es wirkte damals wie ein Wunder, was dieses Instrument alles konnte. Jeder der Beatles hatte sich 1965 diesen „Fairlight der Sixties“ zugelegt.

1967 wurde der erste Versuch gestartet, ein abgespecktes und leichteres Mellotron zu bauen, das dann ein Jahr später als „Model 300“ erschien. Es bot weniger Möglichkeiten als der große Bruder und besaß nur eine Tastatur mit 52 Tasten.

 

   Mellotron M 400 


1970 wurde mit dem M 400 ein kleines, leichter transportierbares „Volksmellotron“ gebaut. Es besaß eine einfachere Technik als seine Vorgänger, bot nur drei der beliebtesten Mellotronklänge (mit Wechselmöglichkeit) und war deutlich preisgünstiger. Der Traum vom Privatorchester für jedermann war Wirklichkeit geworden! Wenn man heute vom Mellotron spricht, meint man meistens dieses, nur noch 35 Holztasten umfassende, schneeweiße Model 400. Auf Wunsch war es auch in einem sehr dekorativen braunen Mahagonifurnier lieferbar.

Das M 400 schlug in der Musikwelt wie eine Bombe ein. So ist es auch nicht verwunderlich, daß man nach 1970 Mellotronsounds auf Tausenden von LPs und Singles zu hören kriegte. 1972 gelang mit der Aufnahme von vier Männer- und vier Frauenchorstimmen der große Wurf für das M 400. Die Umsatzzahlen des Mellotrons zogen kräftig an und der „8 Choir“ avancierte neben den „Violins“ zum beliebtesten M 400-Klang.

1976 schien die Zeit reif zu sein für einen größeren, weltweiten Vertrieb des Mellotrons durch den Multi „Dallas Music“, der jedoch wider Erwarten schon 1977 in Konkurs ging und Les Bradley´s Firma zwang, künftig seine Instrumente unter dem neuen Namen „Novatron“ zu verkaufen, da irrtümlich der Produktname „Mellotron“ mit der Konkursmasse nach Amerika verkauft worden war. Von diesem folgenschweren Knick in der Erfolgskurve des Mellotrons konnte sich „Streetly Electronics“ eigentlich nie mehr richtig erholen und ging nach einem zähen Kampf gegen die stetig vordringenden polyphonen Synthesizer und Digitalsampler im Jahre 1988 vollends in Konkurs.
 

   John Bradley
 mit
 Mellotron Mark I 


Les Bradley´s Sohn John führt heute die Tradition seines Vaters weiter und widmet sich mit seinem Kompagnon Martin Smith ganz der liebevollen Restaurierung und Instandhaltung dieser, trotz oder gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten so herrlich klingenden Mellotrone und der Pflege ihrer einmaligen Sounds. Keep on mellotroning!

Klaus Hoffmann-Hoock
(Mind Over Matter)


 


zurück zur CD Mello Zone

© 1997 - Masterbits GmbH